$ Edge (Deutsch)

Eine ökologische Installation über Kapitalismus und Gemeinschaft

English Text here

2014, ‚The $Edge‘, Arid Lands Sculpture Festival, Port Augusta, Australia. Ephemer Bioplastik und Sand Installation

$Edge, 2014, Site-specific Installation / Ephemere Installation
Bioplastik aus Maisstärke, Glycerin, Wasser und Essig, lokaler australischer Sand, Holz
ca. 100 übergroße australische Bull Ants jeweils ca. 30 × 20 × 20 cm
Life on the Edge, Arid Lands Festival
Australian Arid Lands Botanic Garden
Port Augusta, South Australia, Australien
Auszeichnung: First Prize, Biennial Arid Sculptural Exhibition, Port Augusta, 2014
Dokumentation: Video und Fotografie

$Edge entstand 2014 für das Arid Lands Festival Life on the Edge in Port Augusta, South Australia. Die ortsspezifische Installation wurde im Australian Arid Lands Botanic Garden realisiert und bestand aus rund 100 übergroßen australischen Bull Ants, die aus Bioplastik, lokalem australischem Sand und Holz gefertigt wurden. Die Ameisen standen dreidimensional im Gelände und waren zu einem Dollarzeichen angeordnet. An den oberen und unteren Enden des Zeichens lösten sich einzelne Ameisen aus der Form heraus und bildeten einen weiterführenden Weg.

Die Arbeit entstand spezifisch für diesen Ort. Vor der Reise nach Australien erhielt Kirsten Wechslberger Bildmaterial früherer Festivals und entwickelte die Installation in direkter Reaktion auf Landschaft, Klima und Kontext. Port Augusta wirkte heiß, trocken und wüstenartig; in seiner ariden Landschaft erinnerte der Ort die Künstlerin in vieler Hinsicht an Namibia. Diese Nähe zwischen Namibia und Australien war nicht nur atmosphärisch, sondern berührte auch Fragen von Land, Ressourcen, Kolonialgeschichte und sozialem Ausschluss. Im Zentrum der Arbeit standen jedoch zunächst vor allem soziale Randlagen: die Frage, welche Menschen, Gemeinschaften und Bevölkerungsgruppen durch ökonomische Systeme an den Rand gedrängt oder über diesen Rand hinausgeschoben werden.

Das Festivalthema Life on the Edge wurde in $Edge räumlich, sozial und politisch gelesen. Der „edge“ bezeichnet hier nicht nur eine geografische Kante oder landschaftliche Grenze, sondern auch den Rand gesellschaftlicher Teilhabe. Die Arbeit verweist auf Menschen, die aufgrund von Armut, Rassismus, Kolonialgeschichte, Behinderung, psychischer Belastung, Geschlecht, Sexualität, Klassenzugehörigkeit oder fehlendem Zugang zu Ressourcen marginalisiert werden. Dabei geht es nicht um eine einzelne festgelegte Gruppe, sondern um wiederkehrende gesellschaftliche Mechanismen: Menschen werden ausgeschlossen, abgewertet oder als weniger schutzwürdig dargestellt, damit bestehende Ungleichheiten fortbestehen können.

Das Dollarzeichen steht in der Installation für eine profitorientierte Gesellschaft. Die Arbeit richtet sich dabei nicht gegen Geld an sich. Geld erscheint vielmehr als Mittel, das innerhalb bestimmter Systeme ungleich verteilt, symbolisch aufgeladen und zur Strukturierung von Macht genutzt wird. Kritisiert wird eine kapitalistische Logik, in der Profit, Wachstum, Konkurrenz und individuelle Leistung häufig wichtiger werden als Fürsorge, Schutz, Würde und gemeinschaftliche Verantwortung. In dieser Logik muss es immer Verlierer*innen geben. Wer bereits weniger Zugang zu Land, Bildung, Geld, Gesundheit, Sicherheit oder sozialer Anerkennung hat, wird weiter an den Rand gedrängt.

Diese Kritik berührt auch koloniale und postkoloniale Realitäten. In Namibia ebenso wie in Australien sind indigene Bevölkerungen und marginalisierte Gemeinschaften bis heute von historischen Enteignungen, ungleichem Zugang zu Ressourcen und gesellschaftlicher Abwertung betroffen. Die Arbeit benennt diese Zusammenhänge nicht über eine einzelne nationale Geschichte, sondern über eine wiederkehrende Struktur: Gesellschaften entwickeln Narrative, mit denen bestimmte Gruppen herabgesetzt werden, um Ungleichheit, Ausbeutung oder Ausschluss zu rechtfertigen. $Edge fragt, wie solche Erzählungen entstehen, wie sie sich verfestigen und wie sie durch ökonomische Interessen gestützt werden.

In der ursprünglichen Konzeption bezog sich $Edge auch auf Abraham Maslows Bedürfnishierarchie. Wenn grundlegende physiologische Bedürfnisse und Sicherheitsbedürfnisse nicht erfüllt sind, können Menschen schwer Zugang zu Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstverwirklichung oder Selbsttranszendenz finden. Die Installation übersetzt diese Spannung in eine räumliche Form. Die Ameisen bewegen sich innerhalb des Dollarzeichens, aber an den Rändern verlassen einige von ihnen das Symbol. Dort verändert sich auch ihre Farbe: vom hellen, fast weißen Sand des Dollarzeichens hin zu dunkleren Brauntönen, die sich zunehmend mit der Erde des botanischen Gartens verbinden. Der Weg aus dem Zeichen heraus wird dadurch zu einer Spur von Transformation, Anpassung und möglicher Veränderung.

Die Ameisen bilden eine ökologische und soziale Gegenfigur. Für die Installation wählte Wechslberger australische Bull Ants, weil sie lokal verankert sind und eine starke körperliche Präsenz besitzen. Bull Ants sind groß, wehrhaft und visuell eindrucksvoll. Ihre Köpfe und Kiefer lassen sie zugleich fremd, stark und potenziell gefährlich wirken. Diese körperliche Wirkung war Teil der Arbeit: Die Ameisen sollten nicht niedlich oder dekorativ erscheinen, sondern als eigenständige, widerständige Wesen im Raum stehen.

Zugleich interessierte die Künstlerin die kollektive Intelligenz von Ameisen. Ameisenkolonien entwickeln komplexe Systeme der Kooperation, der Nahrungsteilung und des Schutzes. Sie bauen gemeinsame Unterkünfte, organisieren Versorgung und handeln innerhalb sozialer Strukturen, die nicht auf Profit beruhen. Diese Systeme lassen sich nicht romantisch oder eins zu eins auf menschliche Gesellschaften übertragen; auch Ameisen konkurrieren und bekämpfen andere Kolonien. Dennoch öffnen sie eine zentrale Frage der Arbeit: Wenn andere Lebewesen gemeinschaftliche Schutz- und Versorgungssysteme aufbauen können, warum schaffen menschliche Gesellschaften es nicht, allen Menschen Zugang zu Nahrung, Sicherheit, Würde und Zugehörigkeit zu ermöglichen?

Die Arbeit entstand nicht nur als formale Installation, sondern auch als narratives Objektfeld. Die Ameisen tragen mehrere Kontexte zugleich: den lokalen australischen Sand, die Materialforschung der Künstlerin, ihre Herkunft aus Namibia, das Festivalthema Life on the Edge und die Kritik an globalen Ungleichheitssystemen. Material, Ort und Erzählung greifen ineinander. Die Ameisen sind nicht nur dargestellte Tiere, sondern Trägerinnen von Geschichten: über Herstellung, Landschaft, soziale Systeme, Ressourcen und darüber, wie Objekte ihre Bedeutung verändern, wenn sie in einen neuen Kontext gesetzt werden.

Die Materialität ist für $Edge zentral. Die Ameisen wurden aus einer experimentellen Bioplastikmischung aus Maisstärke, Glycerin, Wasser und Essig hergestellt und mit verschiedenen lokalen Sandarten verbunden. Die Arbeit war zugleich Installation und Materialforschungsprojekt. Unterschiedliche Sandarten verlangten unterschiedliche Rezepturen und Verfahren. Heller Sand verhielt sich anders als dunkler Sand; manche Mischungen waren spröder, andere stabiler, manche ließen sich schwer bearbeiten oder nicht gut bohren, wenn die Beine der Ameisen eingesetzt werden sollten. Die Herstellung blieb daher ein suchender, experimenteller Prozess.

Auch die Formenherstellung wurde aus ökologischen Gründen weiterentwickelt. Frühere Silikonformen waren zwar haltbar, widersprachen aber dem nachhaltigen Anspruch der Arbeit. Deshalb experimentierte Wechslberger mit Alternativen wie Latex, Kautschuk und Gips, obwohl diese Materialien schwieriger, zeitintensiver und weniger langlebig waren. Nachhaltigkeit war damit nicht nur Thema der Arbeit, sondern Teil ihrer Produktionsethik. Die Frage war nicht nur, was dargestellt wird, sondern auch, wie ein Werk hergestellt werden kann, ohne den eigenen ökologischen Anspruch zu unterlaufen.

Die Installation war ephemer angelegt. Sie konnte nach der Ausstellung vor Ort verbleiben und sich durch Wind und Wetter langsam zersetzen. Da Port Augusta sehr trocken ist und es wenig Niederschlag gab, dauerte dieser Prozess mehrere Monate. Der Zerfall wurde dokumentiert und entwickelte sich zu einem wesentlichen Bestandteil des Werks. Besonders bedeutsam war, dass echte Ameisen später begannen, Teile der künstlichen Ameisen abzutragen und das Bioplastik als Nahrungsquelle zu nutzen. Damit kehrte die Installation nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich in ökologische Kreisläufe zurück.

Der biologische Abbau ist in $Edge mehr als eine nachhaltige Materialentscheidung. Das Dollarzeichen, Symbol eines scheinbar festen und mächtigen Systems, besteht aus vergänglichem Material. Es erscheint im Raum, wird sichtbar, verändert sich, verliert seine Form und wird wieder Teil der Erde. Dieser Prozess verweist auf die Zeitlichkeit gesellschaftlicher Ordnungen. Auch Systeme, die unveränderbar erscheinen, sind historisch, materiell und politisch gemacht. Sie können zerfallen, umgebaut oder verlassen werden.

Räumlich war die Installation als großes Zeichen im Beet des botanischen Gartens angelegt. Die Ameisen standen in Reihen auf der Erde, das helle Dollarzeichen kontrastierte mit dem dunkleren Boden des Ortes. Besucher*innen konnten an der Arbeit entlanggehen und sie sowohl als Gesamtform als auch als Ansammlung einzelner Körper wahrnehmen. Die Wiederholung der Ameisen erzeugte eine Spannung zwischen Individuum und Kollektiv: Jede Ameise war ein einzelner Körper, doch gemeinsam bildeten sie ein ökonomisches Symbol, das zugleich befragt und unterwandert wurde.

Kunsthistorisch lässt sich $Edge im Feld von Environmental Art, ephemerer Installation, sozial engagierter Kunst, ökologischer Materialforschung und ortsspezifischer Praxis verorten. Anders als monumentale Formen klassischer Land Art greift die Arbeit nicht dauerhaft in die Landschaft ein. Sie setzt ein temporäres, verwitterndes Zeichen in den Raum und arbeitet mit Materialien, die sich wieder auflösen. Der Ort wird nicht als neutrale Ausstellungsfläche genutzt, sondern als ökologischer, sozialer und symbolischer Resonanzraum.

Innerhalb von Kirsten Wechslbergers Praxis ist $Edge eine eigenständige Arbeit, die eng mit späteren Material- und Ökologiefragen verwandt ist, aber nicht zur Minaminals-Serie gehört. Sie teilt mit den späteren Arbeiten das Interesse an Bioplastik, Sand, Vergänglichkeit, kleinen Lebewesen und ökologischen Kreisläufen. Die Fragestellung ist jedoch eine andere: Während die Minaminals stärker auf Bodenorganismen, Biodiversität und regenerative Prozesse fokussieren, stellt $Edge Kapitalismus, soziale Marginalisierung und gemeinschaftliche Überlebenssysteme ins Zentrum.

$Edge wurde im Rahmen der Biennial Arid Sculptural Exhibition im Australian Arid Lands Botanic Garden mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die Ausstellung umfasste Arbeiten von lokalen und internationalen Künstler*innen und erreichte ein breites Publikum in Port Augusta. Diese Anerkennung markiert einen wichtigen Moment in Wechslbergers internationaler Praxis und bestätigt die frühe Sichtbarkeit ihrer Verbindung von ökologischer Materialforschung, gesellschaftskritischer Installation und ortsspezifischer Kunst.

$Edge zeigt ein Dollarzeichen, aber es lässt dieses Zeichen nicht stabil bleiben. Es wird von Ameisen gebildet, von Sand getragen, von Wetter verändert und schließlich von der Landschaft wieder aufgenommen. Die Arbeit fragt, was Gesellschaften zusammenhält, wen sie ausschließen und welche anderen Formen von Zusammenleben denkbar werden, wenn Profit nicht mehr das ordnende Prinzip ist.

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