Ökologische Forschungsinstallation

Minaminals I (2017) markiert den Beginn eines umfangreichen ökologischen und prozessbasierten Werkkomplexes innerhalb der künstlerischen Praxis von Kirsten Wechslberger. Die Arbeit wurde erstmals während der Prinzessinnengärten Wandelwoche auf Gut Hellersdorf in Berlin installiert und führte einen forschungsbasierten Ansatz ein, der nachhaltige Materialexperimente, Partizipation im öffentlichen Raum, ökologisches Systemdenken und ephemere Installationspraxis miteinander verbindet. Was zunächst wie eine Serie kleiner Tierfiguren erscheint, entfaltet sich zu einer vielschichtigen Untersuchung von Transformation, gegenseitiger Abhängigkeit und den fragilen Beziehungen zwischen menschengemachten Strukturen und lebendigen Ökosystemen.
Die Installation bestand aus ungefähr achtzig handgeformten Skulpturen aus einer eigens entwickelten Mischung aus Bioplastik und Sand. Schnecken, Vögel und Schlangen wurden direkt in Hochbeete und Gartenstrukturen integriert. Statt die Skulpturen als isolierte Kunstobjekte zu präsentieren, wurden sie bewusst in ein bereits funktionierendes Ökosystem eingebettet. Erde, Pflanzen, Insekten, Regen und menschliche Interaktion wurden zu aktiven Bestandteilen der Arbeit. Die Skulpturen waren nicht dafür gedacht, dauerhaft erhalten zu bleiben. Ihr langsamer Zerfall war ein wesentlicher Teil des künstlerischen Prozesses. Wind, Feuchtigkeit, Sonnenlicht und Mikroorganismen veränderten das Material allmählich, bis sich die Arbeiten wieder in jene Umgebung auflösten, aus der sie hervorgegangen waren.
Diese bewusste Instabilität steht im Zentrum des konzeptuellen Rahmens von Minaminals I. Die Arbeit hinterfragt traditionelle Vorstellungen von Skulptur als etwas Dauerhaftem, Monumentalem oder Bewahrendem. Stattdessen entwickelt sie ein Verständnis von Kunst, das sich eher wie ein ökologischer Organismus verhält als wie ein festes Objekt. Die Skulpturen durchlaufen Phasen der Formung, Aussetzung, Veränderung, Auflösung und Reintegration. Ihr Verschwinden wird nicht als Verlust oder Scheitern verstanden, sondern als Vollendung. Das Kunstwerk wird Teil eines größeren biologischen Kreislaufs, in dem Materie fortwährend zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit wechselt.
Im Zentrum der Arbeit steht eine weitergehende Reflexion über Ökosysteme und Formen des Zusammenlebens. Die gewählten Tiere fungieren symbolisch, jedoch nicht als starre Metaphern. Schnecken, Vögel und Schlangen nehmen jeweils spezifische Positionen innerhalb natürlicher Systeme ein. Sie stehen für Bewegung, Anpassungsfähigkeit, Verletzlichkeit und gegenseitige Verbundenheit. Durch ihre Platzierung in urbanen Gartenlandschaften erzeugen die Skulpturen subtile Verschiebungen zwischen kultivierten menschlichen Räumen und den unvorhersehbaren Dynamiken organischen Lebens. Die Installation stellt Fragen danach, wie ökologische Systeme sich erhalten, wie Vielfalt innerhalb solcher Systeme entsteht und welche Formen von Ungleichgewicht auftreten, wenn einzelne Elemente verschwinden.
Das Projekt führt zugleich ein anhaltendes Interesse an Übergangszonen und „Rändern“ ein, die später zu wiederkehrenden Motiven innerhalb von Wechslbergers Praxis werden. Minaminals I befindet sich nicht im Zentrum institutioneller Räume. Die Arbeit existiert vielmehr in Zwischenbereichen: zwischen Kunst und Gartenarbeit, Skulptur und Ökologie, Objekt und Prozess, Partizipation und Umwelttransformation. Diese instabilen Grenzräume werden zu Orten der Untersuchung. Die Arbeit deutet an, dass Veränderung häufig nicht aus festen Kategorien entsteht, sondern aus durchlässigen Beziehungen zwischen verschiedenen Systemen.
Materialforschung spielt innerhalb der Installation eine zentrale Rolle. Die für Minaminals I verwendete Bioplastik-Sand-Rezeptur entstand ursprünglich 2012 während der Produktion der Installation The Road Less Travelled am Goethe-Institut in Namibia. Über mehrere Jahre hinweg wurde das Material durch Experimente mit unterschiedlichen natürlichen Zuschlagstoffen und Umweltbedingungen weiterentwickelt. Während einer Artist Residency in South Australia wurde die Rezeptur für die ephemere Installation $Edge erneut verfeinert, die später beim Arid Lands Sculpture Festival mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Bis zur Realisierung von Minaminals I in Berlin hatte sich das Material sowohl zu einem skulpturalen Medium als auch zu einem konzeptuellen Statement entwickelt.
Die Rezeptur besteht vollständig aus natürlichen Bestandteilen, darunter Stärke, Wasser, Essig, pflanzliches Glycerin und Sand. Selbst der Formenbau folgte ökologischen Überlegungen durch die Verwendung von Naturlatex und Gips anstelle von Silikonformen. Diese Konzentration auf nachhaltige Produktionsweisen erweitert die konzeptuellen Fragestellungen der Arbeit auf ihre eigenen Herstellungsbedingungen. Material wird untrennbar mit Ethik verbunden. Das Projekt illustriert ökologische Themen nicht lediglich, sondern versucht, sie durch Prozess und Produktionsweise selbst zu verkörpern.
Die Installation besitzt zudem eine bedeutende partizipative Dimension. Besucherinnen waren eingeladen, eigene Objekte zu erschaffen und dem bestehenden Umfeld hinzuzufügen. Dadurch wurde Autorschaft bewusst destabilisiert. Die Grenze zwischen Künstlerin, Teilnehmenden und Ökosystem blieb offen und verhandelbar. Menschliche Interaktion wurde nicht nur als Reaktion oder Dokumentation verstanden, sondern als aktive Ebene innerhalb der Arbeit selbst. Diese partizipative Struktur spiegelt Wechslbergers breitere künstlerische Entwicklung jener Zeit wider, in der soziale Beteiligung zunehmend den isolierten Objektcharakter traditioneller Kunstproduktion ersetzte.
Ein wesentlicher Aspekt von Minaminals I ist die Verbindung zwischen ökologischen und sozialen Systemen. Obwohl die Arbeit in Umweltprozessen verankert ist, stehen viele ihrer zugrunde liegenden Fragen in Beziehung zu Themen, die auch in Wechslbergers sozial engagierten Arbeiten wie Demarginalization sichtbar werden. Beide Werkkomplexe untersuchen, wie komplexe Systeme funktionieren, wie fragile gegenseitige Abhängigkeiten erhalten werden und was geschieht, wenn einzelne Teile ausgeschlossen, übersehen oder zerstört werden. In diesem Sinne kann Minaminals nicht nur als ökologische Installation verstanden werden, sondern auch als weitergehende Reflexion über Zusammenleben, Verantwortung und kollektive Verletzlichkeit.
Die Arbeit erhielt zusätzliche Sichtbarkeit durch verschiedene Publikationen und Dokumentationen, darunter ein mehrseitiger Beitrag in der Dezemberausgabe 2017 des Bordmagazins Flamingo der Fluggesellschaft Air Namibia. Der Artikel präsentierte das Projekt im Kontext nachhaltiger Kunstpraktiken, partizipativer Installation und ökologischer Materialforschung. Besonders hervorgehoben wurden die biologisch abbaubaren Eigenschaften der Skulpturen sowie der Fokus auf „Mikro- und Makroökosysteme“, Diversität, Recycling und Transformation. Die begleitenden Fotografien verdeutlichten zudem die taktile und prozessorientierte Dimension der Arbeit: Formenbau, gemeinschaftliche Interaktion, Installation innerhalb der Gemüsebeete und das langsame Verschmelzen von Skulptur und Umwelt.
Kunsthistorisch lässt sich Minaminals I innerhalb mehrerer sich überschneidender Felder verorten, darunter Ecological Art, Sustainable Art, Process Art, partizipative Installation, ortsspezifische Kunstpraxis und ephemere Skulptur. Die Arbeit steht in Nähe zu künstlerischen Ansätzen, die Permanenz zugunsten von Transformation ablehnen und Kunstwerke als sich entwickelnde Systeme verstehen, die durch Zeit, Umwelt und Interaktion geformt werden. Gleichzeitig nimmt das Projekt durch die Verbindung von ökologischer Materialforschung, öffentlicher Beteiligung und langfristiger konzeptueller Kontinuität eine eigenständige Position ein.
Innerhalb von Wechslbergers größerer Praxis wurde Minaminals I zum Ausgangspunkt einer fortlaufenden Werkreihe, aus der später Minaminals II – Earth to Earth, Minaminals III – The Soil We Live Of sowie schließlich Arbeiten wie Merging Layers hervorgingen. Viele jener konzeptuellen Linien, die später zentral werden sollten, sind bereits hier sichtbar: Zerfall als Methode, Ökosysteme als Metaphern sozialer Strukturen, Transformation durch Instabilität sowie das Verständnis von Materialien als aktive, lebendige Akteur*innen statt passiver Substanzen.
Letztlich beschäftigt sich Minaminals I weniger mit der Herstellung stabiler skulpturaler Formen als mit der Schaffung von Bedingungen für Transformation. Die Arbeit schlägt vor, dass Kunst an ökologischen Kreisläufen teilnehmen kann, anstatt von ihnen getrennt zu bleiben. Skulptur erscheint hier nicht als etwas, das gegen die Zeit bewahrt werden muss, sondern als etwas, das sich vollständig in Zeit einschreibt. Durch Zerfall, Interaktion und Reintegration wird die Installation zu einer temporären Verhandlung zwischen Menschen, Materialien und Umwelten. Was bleibt, ist nicht das Objekt selbst, sondern die Spur eines Prozesses, in dem Kunst für einen Moment Teil eines lebendigen Ökosystems wurde.








