Eine ortsspezifische ökologische Installation über Transformation, biologische Zersetzung, Partizipation und die Verflechtung menschlicher und natürlicher Systeme durch nachhaltige Materialprozesse.

Minaminals II – Earth to Earth (2018) ist eine ortsspezifische ökologische Installation von Kirsten Wechslberger, die nachhaltige Materialforschung, partizipative Praxis, öffentliche Intervention und prozessorientierte Skulptur miteinander verbindet. Installiert in einem historischen Brunnen im öffentlichen Raum von Berlin-Hellersdorf bestand die Arbeit aus fünfzig biologisch abbaubaren Tierfiguren aus eigens entwickeltem Bioplastik, Sand und Wildblumensaat. Die Figuren wurden so angeordnet, als würden sie langsam aus dem Brunnen hervortreten und sich in die umliegende Nachbarschaft ausbreiten. Die Installation entwickelte sich dadurch zu einem temporären Ökosystem, das von Wetter, Wachstum, öffentlicher Interaktion und Zeit geformt wurde.
Anstatt Skulptur als etwas Festes oder Dauerhaftes zu präsentieren, befand sich die Installation in einem kontinuierlichen Zustand der Veränderung. Kleine Schildkröten, Vögel, Schlangen und Schnecken wirkten fragil und leicht entrückt innerhalb der urbanen Umgebung. Einige Figuren schienen sich in den öffentlichen Raum hinauszubewegen, während andere bereits zwischen Entstehung und Auflösung zu schweben schienen. Die Arbeit widersetzte sich bewusst jeder Stabilität. Sie verhielt sich weniger wie eine Ansammlung statischer Objekte als vielmehr wie ein lebendiger Materialprozess, in dem Skulptur, Umwelt, Mikroorganismen, Pflanzen und menschliche Präsenz fortlaufend miteinander interagierten.
Diese Instabilität bildet den konzeptuellen Kern der Arbeit. Minaminals II – Earth to Earth hinterfragt traditionelle Vorstellungen von Skulptur als Monument, Bewahrung oder Permanenz. Die Figuren wurden bewusst dafür geschaffen zu verwittern, weicher zu werden, Risse zu entwickeln, sich zu zersetzen und schließlich wieder Teil der Umgebung zu werden, aus der sie entstanden sind. Ihr Verschwinden wurde nicht als Beschädigung oder Scheitern verstanden, sondern als wesentliche Phase des Kunstwerks selbst.
Die Installation entwickelte sich aus Wechslbergers fortlaufender Minaminals-Serie, die 2017 begann und später in Arbeiten wie Minaminals III – The Soil We Live Of und Merging Layers weitergeführt wurde. Innerhalb dieser Werkreihe wird Skulptur nicht als isoliertes Objekt verstanden, sondern als temporärer Zustand innerhalb größerer ökologischer und sozialer Systeme. Eine frühe Projektbeschreibung definierte Minaminals als „a conceptual installation project that focuses on ephemeral, experimental, sustainable processes, materials and themes“. Die Arbeit positionierte sich ausdrücklich innerhalb von Sustainable Art, Ephemeral Art und Conceptual Art und entwickelte dabei einen eigenen Zugang zu ökologischer Materialität und Transformation.
Materialforschung spielt innerhalb der Installation eine zentrale Rolle. Die Figuren wurden aus einer eigens entwickelten Bioplastik-Rezeptur hergestellt, kombiniert mit Sand, natürlichen Zuschlagstoffen und Wildblumensaat. Unterschiedliche Materialmischungen, Wasseranteile, Bodenstrukturen und Sandsorten wurden kontinuierlich getestet, um zu untersuchen, wie die Skulpturen auf Wetterbedingungen, Feuchtigkeit, Sonnenlicht und biologische Prozesse reagieren. Das Projekt beschrieb die Arbeiten ausdrücklich als „100% sustainable sculptures“ und verstand Nachhaltigkeit nicht nur als thematische Ebene, sondern als ethisches und strukturelles Prinzip, das bereits im Herstellungsprozess verankert ist.
Dieser Fokus auf Materialität unterscheidet Minaminals II von vielen ökologisch orientierten Kunstprojekten, die weiterhin auf industrielle oder synthetische Materialien zurückgreifen. Nachhaltigkeit durchzieht hier den gesamten Lebenszyklus der Arbeit:
Materialgewinnung, Produktion, Installation, Verwitterung, Zersetzung und Rückführung in natürliche Kreisläufe. Die Skulpturen symbolisieren ökologische Prozesse nicht nur, sondern nehmen physisch an ihnen teil.
Besonders bedeutend war die Integration von Wildblumensaat in die Figuren. Die Samen sollten direkt aus den sich zersetzenden Körpern der Skulpturen keimen und dadurch Wachstum und Verfall gleichzeitig innerhalb derselben Materialstruktur sichtbar machen. Organisches Leben sollte aus dem Zerfall heraus entstehen. Die Skulpturen würden nach und nach zu Erde werden, während neues Pflanzenwachstum die sich auflösenden Formen übernimmt. Auf diese Weise näherte sich die Installation dem „Circle of Life“ nicht nur als Metapher, sondern als sichtbarer ökologischer Transformation in Echtzeit.
Die Arbeit entwickelte zugleich eine wichtige partizipative Dimension. Während des Erdfests im Juni 2018 wurden Besucherinnen eingeladen, eigene Skulpturen aus Bioplastik und Sand herzustellen. Diese Objekte konnten entweder mitgenommen oder direkt Teil der Installation werden. Dadurch blieb die Arbeit bewusst offen und unvollständig. Öffentliche Beteiligung wurde zu einem integralen Bestandteil der sich weiterentwickelnden Struktur der Installation und öffnete die Grenzen zwischen Künstlerin, Teilnehmer*in und Umwelt.
Diese partizipative Struktur verweist auf eine breitere Entwicklung innerhalb von Wechslbergers Praxis, die sich zunehmend von objektzentrierter Produktion hin zu relationalen und sozial eingebetteten Prozessen bewegt. Menschliche Interaktion wurde nicht als nachträgliche Publikumsbeteiligung verstanden, sondern als aktive Materialschicht innerhalb der Arbeit selbst. Die Installation funktionierte dadurch gleichzeitig als Skulptur, Workshop, ökologisches Experiment und kollektiver Erfahrungsraum.
Ebenso zentral war die pädagogische Dimension des Projekts. Besucher*innen begegneten nicht nur fertigen Objekten, sondern wurden in den gesamten Materialkreislauf eingeführt:
das Kochen von Bioplastik, das Mischen der Materialien, Experimente mit natürlichen Zutaten, Formgebungsprozesse, Trocknung, Zersetzung und ökologische Rückführung. Gespräche über Nachhaltigkeit, biologische Abbauprozesse, ökologische Systeme sowie Kreisläufe von Wachstum und Verfall wurden Teil der künstlerischen Erfahrung selbst. Wissensvermittlung und künstlerische Produktion existierten nicht getrennt voneinander, sondern als miteinander verflochtene Prozesse.
Dieser Bildungsaspekt verweist auf ein wiederkehrendes Merkmal von Wechslbergers Gesamtpraxis. Kunst wird nicht als isolierte Repräsentation verstanden, sondern als relationale Situation, die Teilhabe, Reflexion und körperlich erfahrbare Erkenntnis ermöglichen kann. Die Arbeit schlägt vor, dass ökologisches Bewusstsein nicht allein durch Beobachtung entsteht, sondern durch direkte physische Auseinandersetzung mit Materialien, Prozessen und Umwelten.
Die Beziehung der Installation zum öffentlichen Raum gewann zusätzliche Bedeutung, nachdem ein Großteil der Arbeit bereits etwa zwei Wochen nach der Installation zerstört wurde. Figuren wurden beschädigt, entfernt oder vollständig mitgenommen. Was zunächst als schockierende Erfahrung wahrgenommen wurde, wurde später in die konzeptuelle Reflexion des Projekts integriert. Das beschleunigte Verschwinden der Arbeit machte Fragen nach Verletzlichkeit, Autor*innenschaft, Kontrolle und der Unvorhersehbarkeit öffentlicher Räume sichtbar.
Anstatt diese Eingriffe ausschließlich als Verlust zu verstehen, integrierte das Projekt sie in seine fortlaufende Erzählung. Menschliche Intervention wurde zu einer weiteren transformierenden Kraft innerhalb des ökologischen Kreislaufs, der bereits in die Installation eingeschrieben war. Einige Figuren wurden offenbar von Besucher*innen mitgenommen und in private Kontexte überführt, wodurch sich die Arbeit über ihren ursprünglichen Ort hinaus fortsetzte. Das Projekt akzeptiert Aneignung, Beschädigung, Fragmentierung und Verschwinden als mögliche Bestandteile seiner materiellen und sozialen Geschichte.
Die Arbeit wirft darüber hinaus institutionelle Fragen nach Wert, Sichtbarkeit und Legitimität von Kunst auf. Die begleitende Videodokumentation reflektiert kritisch, ob Kunstwerke ihren Wert vor allem durch institutionelle Rahmung erhalten oder ob öffentliche Räume möglicherweise unmittelbarere, instabilere und sozial stärker eingebettete Formen der Begegnung ermöglichen. In diesem Sinne untersucht Minaminals II – Earth to Earth nicht nur ökologische Systeme, sondern auch die Bedingungen, unter denen Kunst zirkuliert, Bedeutung erhält und weiterlebt.
Ein besonders wichtiger Aspekt der Arbeit liegt in Wechslbergers bewusster Abgrenzung von historischen Formen der Land Art, die häufig mit massiven Eingriffen in Landschaften arbeiteten. Anstelle von Dominanz oder Kontrolle betont Minaminals II ökologische Sensibilität, biologische Abbaubarkeit und Koexistenz mit bestehenden Umweltprozessen. Die Arbeit versucht nicht, Natur dauerhaft zu formen oder zu beherrschen, sondern mit bereits existierenden ökologischen Dynamiken zusammenzuarbeiten.
Kunsthistorisch lässt sich Minaminals II – Earth to Earth innerhalb ökologischer Kunst, Sustainable Art, partizipativer Installation, Prozesskunst, Konzeptkunst, ortsspezifischer Praxis und ephemerer Skulptur verorten. Die Installation steht in Beziehung zu künstlerischen Ansätzen, die Permanenz zugunsten von Transformation ablehnen und Kunstwerke als sich entwickelnde Systeme verstehen, die von Zeit, Beteiligung und Umweltbedingungen geprägt werden. Gleichzeitig nimmt die Arbeit durch die Verbindung von ökologischer Materialforschung, öffentlicher Vermittlung und biologisch abbaubaren Skulpturprozessen eine eigenständige Position ein.
Innerhalb von Wechslbergers Gesamtpraxis markiert Minaminals II eine wichtige Verdichtung zentraler Themen, die auch in späteren Arbeiten wiederkehren:
Ökosysteme als Metaphern sozialer Strukturen, Instabilität als Methode, Zersetzung als Transformation, Partizipation als Mitautor*innenschaft und Material selbst als aktiver konzeptueller Akteur. Die Installation zeigt eine künstlerische Praxis, die zunehmend weniger an dauerhaften Objekten interessiert ist als an temporären Bedingungen für Interaktion, Reflexion und Veränderung.
Letztlich schlägt Minaminals II – Earth to Earth ein radikal anderes Verständnis von Skulptur und Dauerhaftigkeit vor. Die Arbeit versucht nicht, Zeit zu widerstehen. Sie tritt vollständig in Zeit ein. Wachstum, Verwitterung, mikrobielle Aktivität, Beteiligung, Verschwinden und Rückführung sind keine äußeren Bedrohungen des Kunstwerks, sondern die Bedingungen seiner Existenz. Was bleibt, ist kein stabiles Objekt, sondern die Spur einer temporären ökologischen und sozialen Begegnung, in der Kunst für einen Moment Teil eines lebendigen Kreislaufs wurde.




