Minaminals III – Die Erde Von Der Wir Leben 2018 (Deutsch)

Eine ortsspezifische ökologische Installation über Boden, unsichtbares Leben, Biodiversität und die fragilen Beziehungen zwischen menschlichen Eingriffen, natürlichen Systemen und materieller Transformation.

English text here:

Minaminals III
Minaminals III Foto: Matthias Fritsch

Minaminals III – The Soil We Live Of (2018) ist eine ortsspezifische Installation von Kirsten Wechslberger, die während der Residency Der Boden von dem wir leben an der Akademie für Suffizienz in Reckenthin entstand. Die Arbeit besteht aus einhundert handgefertigten Skulpturen aus Bioplastik und Sand, die auf einer Ackerfläche nahe der Akademie installiert wurden. Ihre Formen beziehen sich auf Bodenorganismen, die für das menschliche Auge meist unsichtbar bleiben, obwohl sie für die Fruchtbarkeit, Stabilität und Lebendigkeit des Bodens grundlegend sind.

Die Installation macht sichtbar, was normalerweise unter der Oberfläche verborgen bleibt. Bakterien, Pilze, Algen, Regenwürmer, Rundwürmer, Milben, Springschwänze, Rädertierchen, Borstenwürmer, Käferlarven, Zweifliegenlarven, Schnecken und Ameisenlöwen erscheinen als vergrößerte, fragile Körper auf dem Feldrand. Die Skulpturen wirken nicht wie abgeschlossene naturkundliche Modelle. Sie sind vielmehr tastbare Übersetzungen einer verborgenen ökologischen Realität. Was sonst nur durch Mikroskope, wissenschaftliche Diagramme oder Bodenkunde erfahrbar wird, tritt hier als räumliches, körperliches und ästhetisches Gegenüber in Erscheinung.

Ausgangspunkt der Arbeit ist die Frage, wie sich Leben wahrnehmen lässt, das zwar existenziell wichtig ist, aber außerhalb alltäglicher Sichtbarkeit liegt. Minaminals III übersetzt wissenschaftliche Informationen über Bodenökosysteme in eine begehbare Installation. Dabei geht es nicht darum, Biologie zu illustrieren, sondern Wahrnehmung zu verschieben. Die Arbeit richtet den Blick auf eine Welt, die unter menschlichen Füßen liegt und gerade deshalb leicht übersehen, verdichtet, versiegelt, ausgebeutet oder zerstört wird. Der Boden erscheint nicht als passive Fläche, sondern als lebendiges System voller Beziehungen, Prozesse und Abhängigkeiten.

Die Standortwahl ist für das Verständnis der Arbeit zentral. Die Installation wurde bewusst neben einem landwirtschaftlich genutzten Feld errichtet. Das Feld war eine Monokulturfläche, die zum Zeitpunkt der Installation bearbeitet wurde. Zugleich wurde das für die Skulpturen verwendete Erdmaterial unmittelbar vor Ort gesammelt. Dadurch entstand eine direkte Verbindung zwischen Material, Ort und Thema. Die Figuren scheinen aus genau jenem Boden hervorzutreten, dessen innere Lebensgemeinschaften sie sichtbar machen. Sie wirken wie Botschafter*innen einer unterirdischen Welt, die durch menschliche Eingriffe verändert, gestört oder verdrängt wird.

Diese räumliche Entscheidung verankert Minaminals III in einer konkreten ökologischen und gesellschaftlichen Situation. Boden wird nicht als abstraktes Naturmotiv behandelt, sondern als Ressource, Lebensraum und Gegenstand wirtschaftlicher Nutzung. Die Arbeit entstand innerhalb eines Programms, das sich mit Bodenversiegelung, industrieller Landwirtschaft, Humusverlust, Wasserhaushalt, Verlust biologischer Vielfalt und den Folgen menschlicher Eingriffe in natürliche Systeme beschäftigte. In diesem Kontext zeigt die Installation, dass Boden nicht nur das ist, worauf Menschen stehen, bauen oder produzieren. Boden ist ein komplexes Gefüge, von dem menschliches Leben abhängig bleibt.

Bereits im März 2018 wurde Wechslbergers Teilnahme an der Residency öffentlich angekündigt. Ausgewählt wurde sie von der Akademie für Suffizienz, KUNST-STOFFE Berlin und Group Global 3000 für einen vierwöchigen Arbeitsaufenthalt in Reckenthin in der Prignitz. Dieser frühe Nachweis ist kunsthistorisch bedeutsam, weil er Minaminals III nicht als plötzlich entstandenes Einzelwerk zeigt, sondern als Ergebnis eines längeren Forschungs- und Entwicklungsprozesses. Die Ankündigung dokumentiert außerdem, dass Bioplastik bereits vor Beginn der Residency ein etablierter Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis war. Wechslberger formulierte damals ihre Vorfreude darauf, weitere Bioplastik-Skulpturen und Installationen zu entwickeln.

Damit steht Minaminals III zugleich innerhalb einer längeren materiellen und konzeptuellen Linie. Die Entwicklung des verwendeten Bioplastiks reicht in Wechslbergers Praxis bis 2012 zurück, als sie für The Road Less Travelled am Goethe-Zentrum in Namibia mit eigenen Bioplastikrezepturen experimentierte. Später wurden verschiedene Zuschlagstoffe getestet, bis sich Sand als besonders geeignet erwies, um Stabilität, Gewicht und eine erdverbundene Materialität zu erzeugen. Auch in Minaminals I und Minaminals II – Earth to Earth war diese Verbindung aus Bioplastik, Sand, ökologischer Forschung und kontrollierter Vergänglichkeit bereits zentral. Minaminals III führt diese Linie weiter, verschiebt den Fokus jedoch stärker auf Bodenökologie, wissenschaftliche Recherche und die Unsichtbarkeit biologischer Lebensgemeinschaften.

Das Material besteht aus Maisstärke, Wasser, Essig, pflanzlichem Glycerin und Sand. Auch die Produktionsmittel wurden nach ökologischen Kriterien gewählt. Für die Formen verwendete Wechslberger Naturlatex und Gips anstelle von Silikon. Dieser Prozess war aufwendiger, aber konsequent im Verhältnis zum Anspruch der Arbeit. Nachhaltigkeit erscheint hier nicht nur als Thema, sondern als künstlerische Methode. Die Arbeit spricht nicht lediglich über ökologische Verantwortung, sondern versucht, ihre eigenen Produktionsbedingungen danach auszurichten. Material, Prozess und Aussage bleiben miteinander verschränkt.

Insgesamt wurden für Minaminals III einhundert Skulpturen installiert und etwa einhundertzehn Objekte produziert. Zusätzliche Exemplare entstanden für die spätere Präsentation in Berlin, damit Besucher*innen das Material berühren und sinnlich erfahren konnten. Diese Entscheidung ist wichtig, weil sie die Arbeit nicht nur als visuelles Kunstwerk, sondern auch als Vermittlungsformat versteht. Der Boden und seine verborgenen Lebensformen werden nicht allein durch Abbildungen oder Texte vermittelt, sondern durch Materialkontakt, räumliche Erfahrung und körperliche Annäherung.

Der Produktionsprozess umfasste wissenschaftliche Recherche, Modellierung, Formenbau, Gussverfahren, Installation vor Ort, Fotografie, filmische Dokumentation und schließlich die bewusste Überlassung der Arbeit an natürliche Zersetzungsprozesse. Die Skulpturen wurden nicht als dauerhafte Objekte konzipiert. Ihre biologische Zersetzung war Teil des Werks. Wie in den früheren Minaminals-Arbeiten verweigert sich auch Minaminals III der Idee von Skulptur als dauerhafter, abgeschlossener Form. Die Objekte existieren nur vorübergehend. Sie verändern sich, werden weich, brechen auf, zerfallen und kehren schrittweise in den Boden zurück.

Diese Vergänglichkeit ist kein Verlust, sondern eine zentrale Aussage der Arbeit. Minaminals III versteht Skulptur als Teil eines Kreislaufs. Die Arbeit tritt aus dem Boden hervor, macht verborgenes Leben sichtbar und löst sich schließlich wieder in jenes System auf, auf das sie verweist. Dadurch entsteht eine präzise Verbindung zwischen Form und Inhalt. Das Werk spricht nicht nur über ökologische Kreisläufe, sondern nimmt selbst an ihnen teil. Es bleibt nicht außerhalb der Natur als beobachtendes Kunstobjekt, sondern wird zu einer temporären materiellen Episode innerhalb eines größeren Transformationsprozesses.

Gerade darin unterscheidet sich Minaminals III von vielen historischen Formen der Land Art, die Landschaften durch große Gesten, Erdbewegungen oder dauerhafte Eingriffe markierten. Wechslbergers Arbeit operiert nicht mit Monumentalität, Kontrolle oder Beherrschung des Ortes. Sie ist kleinformatig, verletzlich und bewusst nicht dauerhaft. Statt Landschaft zu formen, macht sie die bereits vorhandenen Prozesse sichtbar, die unter der Oberfläche stattfinden. Die Installation greift nicht mit schwerem Gerät in das Gelände ein, sondern arbeitet mit Nähe, Beobachtung und biologischer Rückführbarkeit. Sie versteht Ortsspezifik nicht als Besitzergreifung eines Geländes, sondern als dialogische Beziehung zwischen Material, Kontext und ökologischer Verantwortung.

Zugleich besitzt die Arbeit eine klare politische Dimension. Der Boden, von dem wir leben, war nicht nur der Titel der Residency und der anschließenden Ausstellung, sondern auch eine programmatische Aussage. Boden ist Lebensgrundlage, Speicher, Filter, Habitat, Produktionsfläche und Gemeingut. Wenn Boden durch Monokulturen, Versiegelung, industrielle Landwirtschaft oder Erosion geschwächt wird, verliert er nicht nur biologische Vielfalt. Er verliert auch die Fähigkeit, Wasser aufzunehmen, zu halten und zu filtern. Minaminals III übersetzt diese Zusammenhänge nicht in didaktische Warnbilder, sondern in eine stille, fast archäologische Sichtbarmachung: Das Leben im Boden erscheint genau dort, wo es durch Bearbeitung, Verdichtung und ökonomische Nutzung gefährdet ist.

Die Residency an der Akademie für Suffizienz stellte diese Fragen in einen erweiterten Rahmen. Nachhaltigkeit wurde dort nicht ausschließlich ökologisch verstanden, sondern mit sozialen Grenzen, globaler Gerechtigkeit, Fürsorge und verantwortlichem Wirtschaften verbunden. Dadurch lässt sich Minaminals III auch innerhalb von Wechslbergers breiterer künstlerischer Praxis verorten, die ökologische Systeme immer wieder mit sozialen Systemen zusammendenkt. Bodenorganismen bilden ein Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten. Wird ein Teil dieses Systems geschwächt, verändert sich das Ganze. Ähnliche Fragen tauchen in Wechslbergers partizipativen und sozial engagierten Arbeiten auf: Wie funktionieren komplexe Systeme? Was bleibt unsichtbar? Wer oder was trägt die Folgen von Eingriffen? Und welche Formen von Verantwortung entstehen, wenn Abhängigkeiten sichtbar werden?

Minaminals III ist daher nicht nur eine ökologische Arbeit, sondern auch eine Wahrnehmungsarbeit. Der Kurator Tom Albrecht beschrieb Wechslbergers Skulpturen aus Bioplastik und Sand als eine Möglichkeit, jene Bodenwesen ins Sichtfeld zu rücken, die für Menschen unsichtbar sind. Diese kuratorische Lesart ist wesentlich, weil sie die Arbeit nicht primär als Materialexperiment beschreibt, sondern als Erweiterung des menschlichen Blicks. Die Installation verschiebt Aufmerksamkeit vom Offensichtlichen zum Verborgenen, vom Objekt zur Beziehung, von der Oberfläche zum darunterliegenden System.

Nach Abschluss der Residency wurde die Videodokumentation von Minaminals III in der Ausstellung Der Boden von dem wir leben bei Group Global 3000 in Berlin präsentiert. Die Ausstellung lief vom 24. August bis 19. Oktober 2018 und versammelte siebzehn internationale Künstler*innen, die sich mit Boden als Ressource, Lebensgrundlage und bedrohtem ökologischem System auseinandersetzten. Die gezeigten Medien reichten von Installation, Performance, Video, Objekt und Zeichnung bis zu Fotografie, Druckgrafik, Klang und kollektiver Aktion. Innerhalb dieses Kontextes wurde Minaminals III nicht als isolierte Naturarbeit gezeigt, sondern als Beitrag zu einem internationalen Nachhaltigkeitsdiskurs.

Die Präsentation als Videodokumentation ist für die Arbeit nicht nebensächlich. Da die Installation vor Ort der Zersetzung überlassen wurde, bildet die Dokumentation eine zweite Ebene des Werks. Fotografie und Film konservieren nicht einfach ein abgeschlossenes Objekt, sondern zeigen eine zeitbasierte Handlung: Aufbau, Materialität, Ort, Beziehung zum Feld und beginnende Vergänglichkeit. Dadurch bewegt sich Minaminals III zwischen Installation, Forschung, Feldstudie, Dokumentation und Vermittlung. Die Arbeit existiert im Außenraum, im Zerfall, im Film, im Ausstellungsraum und im Gespräch mit Besucher*innen.

Auch die öffentliche Zugänglichkeit des ursprünglichen Standorts war bewusst gewählt. Menschen aus dem Dorf konnten die Installation sehen und mit dem Projekt in Kontakt kommen. Damit öffnet sich die Arbeit über den klassischen Kunstkontext hinaus. Sie liegt am Rand eines Feldes, in der Nähe landwirtschaftlicher Nutzung, in einer ländlichen Umgebung. Dieser Rand ist produktiv. Zwischen Acker, Dorf, Residency, Ausstellung und Dokumentation entsteht ein Geflecht unterschiedlicher Öffentlichkeiten. Die Arbeit spricht nicht nur zu einem Kunstpublikum, sondern zu Menschen, die den Boden als Landschaft, Produktionsfläche, Weg, Eigentum oder alltägliche Umgebung wahrnehmen.

Der Sommer 2018 verstärkte die gesellschaftliche Aktualität des Projekts. Die Ausstellung Der Boden von dem wir leben wurde in der öffentlichen Berichterstattung mit Dürre, Ernteausfällen, Bodenerosion, Wasserknappheit und Klimawandel verbunden. Vor diesem Hintergrund erhält Minaminals III eine zeitgeschichtliche Dringlichkeit. Die Arbeit entstand nicht in einem abstrakten ökologischen Diskurs, sondern in einem Moment, in dem Trockenheit und Klimafolgen in Deutschland ungewöhnlich sichtbar wurden. Der Boden, der sonst oft als stabile Grundlage erscheint, zeigte sich plötzlich als verletzliches, gefährdetes System.

Kunsthistorisch lässt sich Minaminals III in den Bereichen Eco Art, Environmental Art, Sustainable Art, Site-Specific Art, Ephemeral Art, Conceptual Art, Research-Based Art und prozessorientierter Installation verorten. Zugleich berührt die Arbeit Fragen der Wissenschaftsvermittlung, der materiellen Ethik und der partizipativen Kunstpraxis. Sie teilt mit ökologischer Kunst das Interesse an natürlichen Systemen, geht aber über eine bloße Darstellung von Natur hinaus. Sie teilt mit Konzeptkunst das Interesse an Idee, Struktur und Kontext, bleibt aber stark materiell und sinnlich. Sie teilt mit Prozesskunst die Offenheit gegenüber Zeit, Veränderung und Zerfall, verbindet diese jedoch mit einer konkreten ökologischen Verantwortung.

Innerhalb von Wechslbergers Gesamtwerk nimmt Minaminals III eine Schlüsselposition ein. Die Arbeit verbindet frühe Bioplastikexperimente, die Entwicklung der Minaminals-Serie, nachhaltige Materialforschung, öffentliche Vermittlung und institutionelle Forschungskontexte. Während Minaminals I die Serie als ökologisches Forschungsfeld eröffnete und Minaminals II – Earth to Earth Transformation, Beteiligung und biologischen Kreislauf im öffentlichen Raum verdichtete, richtet Minaminals III den Blick tiefer in den Boden selbst. Die Arbeit fragt nicht nur, wie Skulptur vergehen kann, sondern was im Verborgenen lebt, damit Leben an der Oberfläche möglich bleibt.

Diese Verschiebung ist entscheidend. Minaminals III handelt nicht von Natur als Gegenüber, sondern von Abhängigkeit. Der Mensch steht nicht außerhalb des Bodens, sondern auf ihm, von ihm und durch ihn. Die Installation macht deutlich, dass ökologische Systeme nicht erst dann relevant werden, wenn sie spektakulär sichtbar sind. Ihre Bedeutung liegt oft gerade in ihrer Unsichtbarkeit. Was nicht gesehen wird, kann leicht missachtet werden. Was nicht als lebendig erkannt wird, kann als bloße Ressource behandelt werden. Minaminals III widerspricht dieser Wahrnehmungsgewohnheit leise, aber entschieden.

Am Ende bleibt die Arbeit nicht als dauerhaftes Objekt bestehen. Sie bleibt als Prozess, Dokumentation, Spur und Denkbewegung. Die Skulpturen verschwinden, aber ihr Verschwinden gehört zur Aussage. Sie zerfallen nicht gegen das Werk, sondern durch das Werk. Was sich auflöst, wird wieder Teil eines Systems, das größer ist als die einzelne Form. In dieser Rückkehr liegt die poetische und politische Kraft von Minaminals III: Die Arbeit zeigt, dass Leben nicht nur dort beginnt, wo Menschen es sehen können. Es beginnt im Dunkeln, im Kleinen, im Verborgenen, im Boden unter unseren Füßen.

Minaminals III – The Soil We Live Of ist damit eine Arbeit über Wahrnehmung, Verantwortung und Verbundenheit. Sie macht den Boden nicht zum Hintergrund, sondern zum Protagonisten. Sie zeigt, dass ökologische Aufmerksamkeit dort beginnt, wo wir lernen, das Unsichtbare ernst zu nehmen. Und sie erinnert daran, dass Transformation nicht immer laut, monumental oder sichtbar sein muss. Manchmal geschieht sie langsam, unter der Oberfläche, in jenem feinen, lebendigen Material, von dem wir leben.