Merging Layers 2019 (Deutsch)

Verschmelzende Schichten von Macht, Erinnerung und Transformation

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Photo: Sascha J. Bachmann
Merging Layers (2019), Bioplastik und Sand, 240 × 240 × 60 cm

Merging Layers ist eine großformatige, nachhaltige Installation aus Bioplastik und Sand, entwickelt für die deutsch-namibische Gruppenausstellung Zusammen Wachsen / Growing Together im Kulturhaus Karlshorst, Berlin. Die Arbeit verbindet postkoloniale Reflexion, ökologische Materialforschung und eine prozesshafte Form von Installation Art. Ausgangspunkt ist ein Schachbrett: ein scheinbar geordnetes Spielfeld aus Regeln, Strategien, Hierarchien und festgelegten Rollen. In Kirsten Wechslbergers Installation wird dieses Spielfeld jedoch brüchig. Felder fehlen, Figuren sind beschädigt, deformiert oder bereits gefallen. Die Ordnung erscheint nicht neutral, sondern als historisch gewachsenes Machtgefüge.

Das Schachbrett fungiert als Metapher für globale Machtverhältnisse, koloniale Kontinuitäten und gesellschaftliche Ungleichheit. Die hellen Felder und Figuren verweisen auf dominante westliche Systeme, wirtschaftliche Machtzentren und koloniale Einflussstrukturen. Die dunklen Felder und Figuren stehen für Namibia, für Länder des Globalen Südens und für gesellschaftliche Strukturen, die durch Kolonialismus, Apartheid, ökonomische Abhängigkeit und kulturelle Überformung beschädigt wurden. Die Arbeit fragt nicht nur, wer auf diesem Feld spielt, sondern auch, wer die Regeln gemacht hat, wer davon profitiert und wer den Preis dafür trägt.

Besonders zentral sind die zerstörten Bauernfiguren. Sie symbolisieren Menschen mit wenig gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Macht. In der Logik des Spiels sind Bauern ersetzbar, vorgeschoben, geopfert. In Merging Layers werden sie zu Träger*innen einer sozialen Aussage: Krisen, Ausbeutung, Korruption, Manipulation und globale Ungleichheit treffen zuerst jene, die ohnehin über die geringsten Ressourcen verfügen. Damit verschiebt die Installation den Blick von abstrakten politischen Systemen auf konkrete Verwundbarkeit.

Die mehrfarbigen Figuren markieren eine andere Ebene der Arbeit. Sie stehen für Menschen, die zwischen Systemen, Kulturen und Perspektiven vermitteln. Sie verkörpern Hybridität, Übersetzung, Empathie und die Möglichkeit gesellschaftlicher Transformation. Gleichzeitig bleiben sie ambivalent: Vermittlungspositionen können solidarisch wirken, aber auch von bestehenden Machtverhältnissen vereinnahmt werden. Genau in dieser Spannung liegt eine Stärke der Arbeit. Sie behauptet keine einfache Lösung, sondern zeigt ein Feld widerstreitender Kräfte.

Eine wichtige Setzung ist der Austausch der Könige durch zwei Königinnen. Die traditionellen patriarchalen Machtfiguren verschwinden; an ihre Stelle treten zwei Königinnen, die sich gegenüberstehen. Dadurch entsteht ein Moment der Entscheidung: Konflikt, Rückzug, Kooperation, Zerstörung oder Wandel. Die Aussage „Reichtum hat kein Geschlecht“ öffnet die Arbeit für Fragen nach Geschlechterverhältnissen, Macht und Verantwortung, ohne die ökonomische Dimension zu entschärfen.

Material und Prozess sind nicht nur Träger der Form, sondern Teil der Bedeutung. Die Installation besteht aus selbst entwickeltem Bioplastik, Sand aus Brandenburg und rotem Sand aus Namibia. Nach der Ausstellung wurde die Arbeit in eine Parkanlage nahe des Kulturhauses Karlshorst überführt. Dort konnte die geplante biologische Zersetzung einsetzen. Regen, Witterung und Zeit wurden zu Mitautor*innen des Werks. Die Figuren lösen sich auf, Sandschichten vermischen sich, klare Gegensätze verlieren ihre feste Kontur. Aus der politischen Metapher wird ein materieller Prozess: Geschichte bleibt nicht statisch, sondern zerfällt, verschiebt sich, lagert sich neu ab.

Gerade darin liegt die poetische Präzision von Merging Layers. Die Arbeit spricht über Kolonialismus, Apartheid, White Privilege, Armut, Reichtum, Entwicklungshilfe, Abhängigkeit und Dekolonisierung, ohne diese Themen rein illustrativ zu behandeln. Sie übersetzt gesellschaftliche Machtverhältnisse in eine fragile Materialordnung. Die beschädigte Oberfläche, die Risse, die Verformungen und die spätere Auflösung machen sichtbar, dass Systeme nicht abstrakt über Menschen schweben, sondern Körper, Räume, Landschaften und Erinnerungen prägen.

In der Presse wurde Merging Layers unter anderem im Artikel „Kunst zwischen Namibia und Deutschland“ von Magda Geisler in Der Freitag erwähnt. Der Artikel stellt die Arbeit in den Zusammenhang von Identität, Zugehörigkeit, Kolonialismus, Apartheid, Sprache, Privilegierung und Intersektionalität. Die Installation wird dort als Reflexion über historische Machtstrukturen und deren fortwirkenden Einfluss auf gesellschaftliche Realitäten beschrieben. Eine weitere relevante Besprechung ist der Artikel „Wie Kunst verbindet“ in der Allgemeinen Zeitung Namibia, dokumentiert über die Website der Künstlerin. Dort wird die Installation als Teil der Ausstellung ZUSAMMEN WACHSEN – Perspektiven namibischer Kunst vorgestellt und besonders das Schachspiel als Symbol gesellschaftlicher Regeln und ungleicher Ausgangsbedingungen hervorgehoben.

Innerhalb von Wechslbergers künstlerischer Praxis nimmt Merging Layers eine Schlüsselposition ein. Die Arbeit verbindet mehrere wiederkehrende Forschungsfelder: postkoloniale Erinnerung, soziale Ungleichheit, ökologische Verantwortung, Materialkreisläufe, kulturelle Hybridität und die Frage, wie Individuen und Gemeinschaften innerhalb größerer politischer und ökologischer Systeme handeln können. Sie passt besonders in die Werkbereiche Ecological Installations, Socially Engaged Art, Postcolonial Perspectives, Political Installation, Sustainable Art und Process-based Art.

Kunsthistorisch lässt sich Merging Layers im Feld von Installation Art, Eco Art, Ephemeral Art, Conceptual Art, Land Art und postkolonialer politischer Kunst verorten. Die Arbeit steht weniger für ein abgeschlossenes Objekt als für einen Denk- und Transformationsprozess. Sie beginnt im Ausstellungsraum, verlässt ihn aber bewusst. Erst im Außenraum, im Kontakt mit Natur, Wetter und Zeit, erfüllt sich ihr Konzept vollständig. Damit verweigert sie die Idee des dauerhaften Kunstobjekts und macht Vergänglichkeit zu einer Form von Erkenntnis.

Merging Layers ist dadurch nicht nur eine Arbeit über zerstörte Systeme, sondern auch über die Möglichkeit neuer Schichten. Was zerfällt, verschwindet nicht vollständig. Es vermischt sich, wird Boden, Spur, Sediment. Die Installation fragt, ob aus beschädigten Ordnungen andere Formen von Zugehörigkeit, Verantwortung und Zukunft entstehen können. Genau dort liegt ihre stille politische Kraft: nicht im fertigen Bild einer besseren Welt, sondern im Sichtbarmachen der Risse, aus denen Veränderung überhaupt erst denkbar wird.